Peter Kotauczek

 

Wir alle tragen die Feuerblume in uns ...

 

 

Die Feuerblume als Metapher für die geheimnisvolle Kraft in uns, die uns am Leben erhält und uns Sinn gibt, wird in den verschiedenen religiösen und philosophischen Mythen als „Seele“, als „Atem Gottes“, als „Elan vital“ (Bergson) oder als „Weltgeist“ (Hegel) bezeichnet und in den verschiedensten Märchen und Erzählungen beschrieben.

 

Jeder von uns fühlt, diese Kraft in sich zu tragen. Wir beschlossen, sie „die Feuerblume“ zu nennen und ein künstlerisches synästhetisches Projekt daran zu knüpfen. Synästhetik ist die synchrone Wahrnehmung über verschiedene Sinne, in diesem Falle das Sehen und das Hören und die damit verbundene Steigerung der Empfindungen.

 

In unserem synästhetischen Experiment ist „die Feuerblume“ ein Abstraktum. Es gab in der Kunstgeschichte viele Beispiele für synästhetische Projekte, eines der berühmtesten ist wohl Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Im Februar und März 1874 fand zum Gedenken an den Maler Viktor Hartmann eine Ausstellung in Petersburg statt. Diese Ausstellung regte Mussorgsky an, dem verstorbenen Freund auch ein musikalisches Denkmal zu setzen. In einem enormen Schaffensrausch komponierte er seine Klaviersuite "Bilder einer Ausstellung", die er am 22. Juni 1874 vollendete. Später schrieb Maurice Ravel eine Orchesterfassung.

 

1924 sorgte das „Ballet Méchanique“ des Malers Fernand Leger und des Komponisten George Antheil für Aufregung. In beiden Fällen begann das Projekt mit den Bildern des Malers und der nachfolgenden Komposition der Musik. Der Musiker setzt die Eindrücke beim Betrachten der Bilder in Töne um, er schöpft dabei auch aus seiner Kenntnis der Denkweise des Malers. In beiden Fällen waren Maler und Komponist befreundet. Leger war von der Mechanisierung der Kunst begeistert und damit ein indirekter Vorläufer der Computer-Art. Antheil erfand gemeinsam  mit seiner Frau, der Filmdiva Hedy Lamarr, ein Codierungs-Verfahren, das heute die strukturelle Grundlage für die Breitband-Internet-Übertragung bildet.

Kunst und Technik vom Feinsten.

 

Im Projekt Feuerblume war der Schaffungsprozess anders. Hier existierte zuerst die Komposition von Kurt Schmid und regte den Maler Peter Kotauczek dazu an, einen Bilderzyklus zur Musik zu schaffen, der ein visueller Hintergrund  für das Orchester sein sollte. Auch hier spielt die persönliche Freundschaft zwischen Maler und Komponist eine Rolle. Kamen die beiden doch durch ihre übereinstimmenden Meinungen über die Wichtigkeit der Struktur-Fragen im Kunstschaffen einander näher. Den Ausschlag gab schliesslich das Libretto von Elisabeth Kotauczek, die das ursprüngliche romantische russische Märchen von der Feuerblume in eine gestraffte abstraktere Ebene umcodierte, indem sie das Schicksal der Feuerblume in kurze Impuls-Leitsätze fasste, die einerseits Titel der Einzelstücke wurden und gemeinsam den metaphorischen roten Faden der Geschichte darstellten.

 

Dies eröffnete dem Maler die Möglichkeit, zu jedem Stück der Suite ein rein abstraktes Bild zu schaffen, das den Inhalt der Musik in visuelle Strukturen synästhetisch umsetzt. Die konkreten Assoziationen aus Bild und Musik werden dem Empfänger der synästhetischen Botschaft überlassen. Der Leitsatz: „Wir alle tragen die Feuerblume in uns ...“ wurde darüber hinaus aus der Sicht der Bilder wörtlich genommen, indem alle Bilder direkt aus dem Leitbild heraus entwickelt wurden und auf diese Weise „die Feuerblume in sich tragen“. Jedes einzelne Bild ist eine Struktur-Transformation von Teilen des Leitbildes „Die Feuerblume“, das stilistisch an die russische Märchenversion des früheren „kleinen Balletts“ von Kurt Schmid anknüpft ohne den Boden der Abstraktheit zu verlassen. Stilistische Zitate berühmter Maler wie Nicolas De Stael, Jean-Paul Riopelle, Joan Miro, Salvador Dali, Wassily Kandinsky, Henri Toulouse-Lautrec, Paul Klee oder Gustav Klimt sind in den Bildern versteckt. Ein Spiel mit den Mitteln der Steganografie und der visuellen Verschlüsselung. Fast überflüssig anzumerken: alle Bilder sind am Computer entstanden.

 

Das Haupt- und Leitbild „Die Feuerblume“, das ursprünglich als Cover für die geplante CD gemalt wurde, basiert auf einem Artificial-Life-Experiment, in dem im Rechner etwa 2000 Punkte nach vier einfachen Regeln entstehen, sich vermehren und „sterben“. Nach mehreren tausend Generationen entstehen aufregende Populationsmuster, die an lebende Zellkulturen erinnern. Diese Simulationen sind unter dem Namen des Erfinders Conway bekannt geworden. Peter Kotauczek hat eine solche Conway-Struktur gerechnet und dann in ein Gemälde verwandelt, aus dem dann wiederum alle andern Bilder streng logisch abgeleitet wurden. Durch gezielte Eingriffe des Malers wurden die geometrisch perfekten aber „toten“ Strukturen aus dem Computer gezielt gestört, verwischt und gefärbt und damit ästhetisch „zum Leben“ erweckt.

 

 

 

 

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